5. Die 70er Jahre. Das Jahrzehnt des Umbruchs


Die Einwohnerzahl ist bis 1970 auf ca. 3120 gestiegen

Langsam wird allen klar: Die Zeit in der die Gemeinde Schömberg im Wesentlichen von Tuberkulosekranken gelebt hat geht vorbei. Noch ist Frage wie schnell. Erst 1969 hat doch die BfA ein neues Sanatorium eröffnet und die müssten es doch besser wissen? Aber die stark fallende Zahl der Neuerkrankungen (Link) zeigt die Zukunft auf.

Was soll mit den vielen bestehenden Häusern und Betten geschehen? Die Hoffnung wird auf den allgemeinen Fremdenverkehr und andere Indikationen für die Kur gesetzt. Das Problem ist, dass für die riesige Anzahl von Betten (ca. 2500) in so kurzer Zeit keine Gäste im Tourismus Bereich gefunden werden können. Dazu kommt die fehlende Attraktivität Schömbergs im Vergleich mit anderen Fremdenverkehrsorten und die Qualität der Gästezimmer in den Häusern die alle noch ohne Nasszellen sind.

Um die Attraktivität des Ortes für Gäste zu verbessern, werden von öffentlicher und privater Hand Anfang der 70er Jahre einige Angebote für Bürger und Gäste errichtet:
So wurde im Wald Ende der Poststraße eine Wassertretanlage eingerichtet. Im Eulenloch wurde wurde ein Skihang mit Lift gebaut. Unterhalb des Luxbrunnens wird eine weitere Wassertretanlage erstellt. Ein Waldsportpfad und ein Trimm-dich-Pfad im Hengstbergwald ergänzen das Angebot. Ende des Jahrzehnts wird die Hengstbergleupe und im Eulenloch eine Rodelbahn eingerichtet. Im Oktober 1971 fasst der Gemeinderat den Grundsatzbeschluss ein Wellenbad mit kleinem Kurmittelhaus, Restaurant und Kegelbahn zu bauen das dann 1976 eingeweiht werden konnte. Der Bauauftrag wird für 9,3 Mill. DM vergeben. Es müssen täglich 500 Gäste kommen um die Anlage wirtschaftlich zu betreiben.

Aber auch auf der privaten Seite tut sich einiges. Die Reitsport GmbH errichtet 1971 eine Reithalle mit Ställen. Der Schömberger Verkehrsverein richtet im April 1972 in der Liebenzeller Str. eine „Kurort-Information“ mit Reise und Verkehrsbüro ein (Link) das von Werner Lück betrieben wird. Der Verkehrsverein unter Alfred Kling und Helmut Gohr ist sehr aktiv bei der Werbung von Touristen und kann auch schon für 1970 erste Erfolg mit ca. 16.000 Übernachtungen melden. Zum Vergleich: Höfen hatte 1974 118.000 Übernachtungen. Die Familie Mönch eröffnet 1974 in der Hugo Römpler Straße ein neues modernes Hotel. Die Sanatorien Rentschler und Tanneck bauen 1974 ein privates Kurmittelhaus um ihren Gästen auch Anwendungen für andere Therapien bieten zu können. Dem Sanatorium Fickert gelingt es mit der Friedrich Ebert Stiftung dem Haus mit einer Heimvolkshochschule eine neue Nutzung zu geben. Leider verlässt diese schon 1979 wieder Schömberg. In Langenbrand eröffnet im Nov. 1979 die Familie Ehrich ihr neues Hotel.

Auch bei anderen Kliniken und Sanatorien ist der Wandel angekommen.:

1971 stellt sich die „Römerberg Klinik“ der Bundesbahnversicherung nach ca. 10 Jahren auf andere Krankheitsbilder um.

Im Oktober 1972 konnte die Erweiterung des Berufsförderungswerkes au dem Bühl eingeweiht werden. Das Schömberger Architekturbüro Kappler und Fischer hatte den Architekturwettbewerb gewonnen und in 2 Jahren ein Hochhaus errichtet.


BfW Hochhaus

Damit ist das zweitgrößte BfW Deutschlands und die bedeutendste Einrichtung für Schömberg entstanden. Das Sanatorium Schlitz erhält 1972 mit der Kinderklinik eine völlig andere Funktion. Die bestehenden Gebäude werden in den nächsten Jahrzehnten abgerissen und durch Neue ersetzt. 1974 bekommt das frühere Waldsanatorium als Psychosomatische Klinik eine neue Aufgabe. Die Klinik wird in den nächsten Jahrzehnten des öfteren den Besitzer wechseln, in ihrer Funktion aber bestehen bleiben.

Weiter wichtige Bauten sind der Neubau der Sparkasse beim Leipziger Platz 1972. Dabei entstehen dahinter auch 2 weitere große Gebäude, 1 Wohnhaus und 1 Bettenbau für das von Dr. W. Stecher betriebene Krankenhaus im früheren Ochsen. In den von der Sparkasse verlassenen Räumen gegenüber der Ev. Kirche eröffnet 1974 die Volksbank Pforzheim eine Filiale. Auch die Raiffeisenbank baut 1979 ihr Bankgebäude großzügig aus unter Hinzufügung eines Verkaufsraumes für Landwirtschaftliche Artikel.

Die ev. Kirchengemeinde eröffnet im Oktober 1975 ihr neues Gemeindehaus in der Brunnenstraße und im September 1976 kann beim Friedhof die neue Aussegnungshalle in Betrieb genommen werden.

Auch in den Teilgemeinden bewegt sich einiges: 1971 entsteht in Bieselsberg ein neues Baugebiet. 1974 erhält Langenbrand eine Mehrzweckhalle. 1975 wird das Forstamt in Langenbrand aufgelöst.1977 wird in Oberlengenhardt an Stelle des alten Schulhauses eine Brunnenanlage errichtet. 1977 erhält Schwarzenberg einen Kindergarten und 1979 an der Stelle des abgerissenen alten Rathauses einen Dorfplatz

Im Dezember 1973 wird bei der Behandlung des Flächennutzungsplans darüber diskutiert, ob die notwendige Umgehungsstraße westlich oder östlich von Schömberg entstehen soll und wie das zu dem geplanten Autobahnabschluss Büchenbronn passt?


Die erste Hälfte der 70er Jahre ist geprägt von politischen Umbrüchen. Da ist vor allem die Gemeinde- und Kreisreform.

1971 schließen sich Schwarzenberg und Schömberg freiwillig zusammen. (der „freiwillige Zusammenschluss“ wird finanziell belohnt) Ein Kampf entbrennt um Randgemeinden die mehrere Möglichkeiten haben wem sie sich anschließen wollen und sollen. Wohin geht Kapfenhardt? Wohin geht Maisenbach-Zainen? Das für viele Menschen eine emotionale Entscheidung, eine Frage gewachsener Beziehungen und eine Frage wie sich der künftige Partner bzw. dessen Vertreter (Bürgermeister) präsentiert. Wobei die letztliche Entscheidung bei einer höheren Instanz liegt. Kapfenhardt geht nach Unterreichenbach und Maisenbach nach Bad Liebenzell zu dessen Kirchspiel es seit Jahrhunderten gehört. Die Bieselsberger dürfen sogar wählen wohin sie gehören wollen. Sie haben die Auswahl zwischen Schömberg, Unterreichenbach evtl. auch Liebenzell?

Letztendlich einigen sich die Gemeinden Schömberg, Oberlengenhardt, Bieselsberg und Langenbrand im Juli 1974 zu einer Fusion die an 1. Januar 1975 in Kraft tritt. Der Gemeinderat stimmt auch der lange diskutierten Umgemeindung des Ortsteils Tannmühle nach Calmbach zu.

Somit ist zum 1. Januar 1975 eine neue Gemeinde mit zus. 6717 Einwohnern entstanden. Diese gliedert sich in Bieselsberg mit 532 Einwohnern, Oberlengenhardt mit 394 Einwohnern, Langenbrand mit 843 und Schömberg mit Schwarzenberg mit zus. 4988 Einwohnern. Zu bemerken ist, dass Schömberg im Kreis Calw einen der höchsten Bevölkerungszuwächse hatte. (Link) Dies spricht für die Attraktivität des Ortes trotz des starken Rückgangs der Übernachtungszahlen im TB- Bereich. (oder gerade deshalb?)

Im Zuge der Gemeindereform stehen auch Gemeinderats- und Bürgermeisterwahlen an.

Walter Brenner der seit 1950 Schömberger Bürgermeister ist bekommt mit Manfred Brugger einen Gegenkandidaten und dieser gewinnt. (Ergebnis) Dies kommt für Walter Brenner so überraschend und ist für ihn so schockierend dass er mit sofortiger Wirkung sein Amt als Amtsverweser und auch auch andere Ämter niederlegt. Im April 1975 wird Manfred Brugger in das Amt des Schömberger Bürgermeister eingeführt.

In einer seiner ersten Gemeinderatssitzungen (Link) muss Bürgermeister Brugger feststellen dass in Schömberg 1974 nur noch 350.000 Übernachtungen gab, d. h. in den letzten Jahren jedes Jahr 100.000 Übernachtungen weniger. Die Hoffnung der Verwaltung liegt auf dem im Oktober 1976 eingeweihten Wellenbad. Das soll die Übernachtungszahlen in Schömberg fördern oder zumindest stabilisieren.


Wellenbad 1976

Um das zu organisieren wird 1976 mit Bernd Suppus zum ersten mal ein Kurdirektor eingestellt. Dieser beginnt bald neue Ideen umzusetzen. So erscheint 1977 erstmals die Kurzeitung „Schömberg aktuell“. Die Qualität und der Umfang des Ortsprospektes wird verbessert. Im Erdgeschoss des Kurhauses wird eine Theke zum Empfang der Busgäste eingerichtet und die Planung für die Renovierung des Kurhauses vorangetrieben. So konnte 1979 erste Erfolge gemeldet werden. Die Zahl der Beherbergungsbetriebe und der Übernachtungsplätze und der Gasstätten und Cafes erhöhte sich deutlich. (Link)

1977 konnte Schömberg das 800jährige Bestehen feiern. Dazu wurde eine Festschrift herausgegeben die auch auf die Ortsgeschichte eingeht.

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April 2020
Wolfgang Obert