EIN PILGER IN DER EWIGKEIT, RUHEND IN SCHWARZWALDERDE:

DIE GESCHICHTE DES TAGORE-ENKELS NITINDRANATH GANGULY1




Tagore und Einstein in Berlin

Während des Jahres 2011 ist anlässlich des 150. Geburtstags von Rabindranath Thakur (anglisiert Tagore, ab hier Rabindranath genannt) gerade in Deutschland oft der Beziehungen gedacht worden, die dieser zum deutschen Geistesleben und einigen seiner Repräsentanten pflegte. Angesichts der starken Resonanz, die des Dichters Werk hierzulande fand bzw. noch findet, hat dieser mehrfach bezeugt, dass, wenn er an Deutschland denke, er stets eine große Dankbarkeit und Freude empfinden würde2. Weniger bekannt ist, dass in dieses Gefühl des Dankes auch leidvolle persönliche Erinnerungen verwoben waren: im Schwarzwald liegt sein einziger Enkelsohn Nitindranath begraben. Dessen Lebensgeschichte soll Gegenstand der folgenden Darlegungen sein.


Nitindranath (im folgenden Nitu genannt) Gangopadhyay (anglisiert Ganguly3), geboren 19114, war der einzige Sohn von Rabindranaths Tochter Mira Devi (1894-1969), nunmehr Mira genannt, sowie von Nagendranath Ganguly (1889-1954), ab hier als Nagendranath bezeichnet5. Nitu und seine Schwester Nandita waren die einzigen überlebenden leiblichen Enkel Rabindranaths. Dazu gesellte sich noch die Adoptivenkelin Nandini (aus der Ehe seines Sohnes Rathindranath mit Pratima Devi). Des Dichters enge affektive Beziehung zu den beiden Obengenannten rührte nicht zuletzt daher, dass Mira nach der später erfolgten Trennung von Nagendranath (siehe unten) zusammen mit den Kindern nach Shantiniketan zog, wo diese in unmittelbarer Nähe zum Großvater aufwuchsen (DR, S. 238).

Schon seit seinen Säuglingstagen von labiler Gesundheit6, war Nitu bereits früh ein Gegenstand liebevoller Zuwendung. So hatten die Schüler der vom Großvater gegründeten Schule in Shantiniketan mit großer Freude bereits den Vierjährigen als „stillen Teilnehmer“ in ihren Unterricht im Freien mitgebracht (Pearson, S. 68). Doch sollte Nitus Kindheit und Jugend schon früh überschattet werden durch die wachsenden Spannungen zwischen den Eltern.

Anfangs hatte Nagendranath, den Rabindranath (zusammen mit seinem Sohn Rathindranath und Santosh Chandra Majumdar) zum Studium der Agrarwissenschaften nach Urbana (Illinois, USA) geschickt hatte, nach seiner Rückkehr Anfang 1911 eine Anstellung innerhalb der von Rabindranath verwalteten Familiengüter gefunden. Doch auf Grund seines aufbrausenden Wesens und mangelnden Einfühlungsvermögens in die Bedürfnisse der Landpächter, aber auch von Problemen im Umgang mit Geld, kam es zu vielen Konflikten, die trotz ständiger Vermittlung Rabindranaths schließlich doch dazu führen sollten, dass sich Nagendranath beruflich umorientieren wollte (DR, S. 113 f., 165 f., 227, 238). Er strebte eine Stelle an der Universität von Kolkata an. Rabindranath setzte sich dort für ihn ein7, nicht zuletzt auch aus einem Gefühl der Verantwortung für die junge Familie heraus, weil die Eheschließung auch seine Idee gewesen war (DR, S. 226).


Charles F. Andrews


Nachdem die Spannungen unter den Eheleuten zunahmen, zog Mira - ab 1919 periodisch, Ende der 1920er Jahre auf Dauer - mit den Kindern nach Shantiniketan (DR, S. 226). Nitu wurde dort eingeschult8. Doch versuchte Nagendranath, den Sohn so oft als möglich zu sich nach Kolkata zu nehmen. Der Streit darüber eskalierte sogar so weit, dass Charles F. Andrews, der mit beiden Eltern befreundet war und dazu auch Rabindranaths Vertrauen genoss, als Schlichter auftreten musste. Andrews beschrieb dem damals in Europa weilenden Rabindranath das Wechselbad der Gefühle, das Nagendranath zunehmend für Mutter und Sohn provozierte. „Nagen [dranath] findet jeden Vorwand ihn [Nitu] [der Mutter] wegzunehmen […] und er wird es auch nach den Ferien weiter tun“9.

Da Nagendranath eine Professur anstrebte, verlangte die Universität eine höhere wissenschaftliche Qualifikation in Form einer Promotion10. Zu diesem Zweck reiste Nagendranath zusammen mit Nitu – in Begleitung von William W. Pearson – 1921 ins Vereinigte Königreich11. An einer dortigen Einschulung Nitus war Nagendranath aber offensichtlich nicht interessiert, obwohl – wie Rabindranath ihm am 2.2. 1923 schreibt – Pearson „eine gute Schule für Nitu in Lichfield“12 ausfindig gemacht habe.13 Weiterhin berichtet Rabindranath in einem neuerlichen Brief an Nagendranath von einer „Dame aus Paris“, die bei einem Besuch in Shantiniketan, nachdem sie von der Situation Nitus gehört habe, ihre Hilfe angeboten habe: „Sie ist gewillt sich um seine Erziehung in Paris zu kümmern unter Übernahme aller notwendigen Kosten“14.


Nach dem Erwerb des Doktorgrades kehrte Nagendranath (vermutlich Ende 1926) zusammen mit Nitu nach Indien zurück, aber nur, um den Sohn weiterhin der Mutter vorzuenthalten, indem er ihn während seiner Wohnungssuche in Kolkata in die Obhut seines eigenen jüngeren Bruders Dhirendranath gab. Enttäuscht schrieb Rabindranath am 22.2. 1927: „Ich dachte, du hättest einen definitiven Plan für die Erziehung deines Sohnes Nitu und aus diesem Grunde habe ich es schweigend ertragen, als du Nitu von Mira weggenommen hast, nur zu dem Zweck, um sie einander durch Trennung zu entfremden. Ich glaube nicht, dass Mira weniger Rechte über Nitu als ihren Sohn hat als du per Gesetz hast. Aber du bist im Besitz einer gewissen Macht und kein Gesetz wird darauf anwendbar sein. Aber da du Nitu ohne Beschäftigung bei Dhiren[dranath] untergebracht hast, glaube ich, dass dies keine guten Ergebnisse zeitigen wird. Dadurch bestrafst du sowohl Nitu als auch seine Mutter. Wenn du dies für deine Entscheidungskompetenz hältst, werde ich nichts sagen, wenn du sie bestrafen willst.[…] Aber ich möchte deine definitiven Gedanken in Bezug auf dieses wissen. Falls ich daraus ersehe, dass ich nicht [weiter] über das Wohlergehen eurer Kinder nachdenken muss, möchte ich mich von allen Pflichten befreien“15. Die Antwort Nagendranaths kennen wir nicht. Jedenfalls kehrte Nitu irgendwann danach nach Shantiniketan zurück, aber mit einer Ausbildungslücke von mehreren Schuljahren, von den psychischen Belastungen aus dieser Zeit ganz abgesehen.

Wie es dazu kam, dass sich Nitu für eine Ausbildung in der Drucktechnik interessierte, wissen wir nicht genau. Es darf aber vermutet werden, dass dies Rabindranath nicht ganz ungelegen kam, befand sich doch damals sein Schul- und Universitätsprojekt Visva-Bharati noch in der Aufbauphase. Es wurden spezielle Schriftenreihen gegründet16, zum Zwecke der Dokumentation der eigenen Aktivitäten, aber auch zur Einwerbung von Fremdmitteln17. Dazu bedurfte es einer guten Qualität der Druckerzeugnisse18. Sicher dachte Rabindranath daran, Nitu später auch in die gesamte Verlagsarbeit, nicht nur deren technischen Sektor, einbinden zu können19. Auch sah er die Nitu drohenden gesundheitlichen Probleme voraus angesichts der, wie er sie bezeichnete, „stickigen Atmosphäre“ in einer indischen [traditionellen] Druckerpresse (DR, S. 383).



Nitu Ganguly. Bild von Frau Prof. Chhanda Chattopadhyay


Rabindranath hatte sich während seiner Deutschland-Reise 1930 über die dortigen Ausbildungsmöglichkeiten kundig gemacht. Am 12.8. schrieb er an Mira, dass es für eine Ausbildung im Druck- und Verlagswesen keinen besseren Ort als Deutschland gäbe. Er verwies diesbezüglich besonders auf München20 und Leipzig21. Bezüglich der Aufbringung der Studien- und Lebenshaltungskosten, die er damals auf 50-60 Rupien monatlich bezifferte, verwies Rabindranath auf Freunde22, die eine Unterstützung zugesagt hätten. Angesichts des bevorstehenden Winterhalbjahres in Deutschland plädiert der Dichter dafür, dass Nitu die Reise erst im März [1931] antreten solle. Er könne in der der Zwischenzeit intensiv Deutsch lernen.

Bezüglich des geplanten Studiums Nitus entfaltete Rabindranath eine breit gefächerte Ausbildungspalette: „Er kann hier seine allgemeine Ausbildung fortsetzen. Er wird ernsthaft sowohl Literatur wie Kunst wie auch den technischen Aspekt des Druckgewerbes studieren können. Zusätzlich existiert dort eine hohe Qualifikation im Verlagswesen - er wird das meistern“ (DR, S. 383 f.).

So trat Nitu im April 1931 die Reise an (DR, S. 384 Anm. 4). Ab 9.5. 1931 war er in München (Fürther Strasse 58, Studentenwohnheim) gemeldet (Stadtarchiv München). Trotz mehrfacher Versuche konnte eine formale Immatrikulation in München nicht nachgewiesen werden. Während seines dortigen Aufenthalts wurde Nitu im Sommer 1931 Zeuge politischer Unruhen, der sog. Universitätskrawalle, die von nationalsozialistischen Studenten organisiert wurden23. Rabindranath vergleicht in einem Brief an Nitu vom 31.7. den Faschismus mit einer Krankheit, die Europa anstecke und eine Spirale der Gewalt verursache. Er beschwört seinen Enkel, sich von dieser Gruppierung nicht anstecken zu lassen, auch dann, wenn möglicherweise einige Inder dafür anfällig wären24. Er solle sich vielmehr auf die eigene Arbeit zu besinnen.


Wahrscheinlich hat Nitu dem Großvater auch berichtet, dass er begonnen habe, das Geigenspiel zu erlernen. Letzterer antwortete, dass er selbst eher das Cello vorziehen würde, welches ein gutes Instrument dafür sei, um indische Musik zu spielen25. Aber er drückte auch seine Befürchtung aus, dass unter Nitus diesbezüglichen Übungen dessen Studien leiden würden und vertröstete ihn auf die Möglichkeit, sich nach der Rückkehr nach Indien dort musikalisch weiterbilden zu können (DR, S. 403).

Nitu meldete sich zum 10.9. 1931 nach Mainz ab (Stadtarchiv München), was seitens des Stadtarchivs Mainz infolge nicht mehr vorhandenen Aktenbestandes leider nicht bestätigt werden konnte. Vermutlich suchte Nitu dort Kontakt zu der Gutenberg-Gesellschaft. Jedenfalls gelang es ihm, einen kleinen Aufsatz [Seite1, Seite 2 - siehe gedruckte Quellen- ] in der von dieser Gesellschaft herausgegebenen Jahrbuch-Reihe unterzubringen.

Nitu plädiert darin für eine eigenständige indische Schrift- und Buchkultur, die sich von alten nationalen Vorbildern inspirieren lassen und sich nicht am englischen Modell der regierungsamtlichen government printing offices ausrichten sollte (Ganguly, S. 270).


Repro: sächsisches Staatsarchiv Leibzig

(Seite 1




Seite 2)

Nitu schrieb sich zum 1.3. 1932 an der damaligen Staatlichen Akademie für graphische Künste und Buchgewerbe ein26. Er belegte das Arbeitsfach „Reproductionsverfahren“27.

In der ärztlichen Aufnahmeuntersuchung wird Nitu als 1,80 m groß (mager, schmal) beschrieben. Bezüglich der Lunge wird Tuberkulose mit hartnäckigem Kartarrh diagnostiziert. Das Gesamturteil weist aus, dass zunächst der Verlauf des Katarrhs abzuwarten sei. Jedoch musste Nitu nach kurzer Dauer angesichts seiner wohl fortschreitenden Tuberkulose die Studien abbrechen. Das erste Semester hat er quasi nicht absolviert28.

In einem in tadelloser Sütterlin-Schrift gefertigten Brief vom 13.7. 1932 bedankte er sich – noch aus Leipzig (Haydnstrasse 12) bei seinem Professor29 für eine ihm überlassene Mappe, deren Inhalt er wegen seines Gesundheitszustandes nicht abschreiben konnte30. Danach hatte er vor, am darauf folgenden Montag [18.7.], Leipzig zum Zwecke der Heilbehandlung in Schömberg zu verlassen. Bezüglich seines gesundheitlichen Zustandes meint er, dem Professor „Gutes“ berichten zu können. Er sei jetzt so weit, sich in den Schwarzwald begeben zu können, um dort „völlige Genesung“ zu finden (StA-L). Es muss offen bleiben, ob dieser zur Schau getragene Optimismus seiner inneren Einsicht in den eigenen Zustand entsprach.


So begab sich Nitu in Begleitung eines indischen Arztes in den bekannten heilklimatischen Kurort Schömberg im Nordschwarzwald (heute Landkreis Calw)31. Er soll dort in der Neuen Heilanstalt Schömberg (heute Psychiatrische Fachklinik Schömberg) behandelt und in der Villa Elven untergebracht worden sein32.

Inzwischen wurde man sich innerhalb der Familie des Ernstes von Nitus Zustand bewusst. In einem Brief an Mukul Dey vom 2.7. 1932 erinnert Rabindranath den Empfänger an die Begleichung seines Vergütungsanspruchs aus dem Verkauf eines seiner Bilder. Er habe keine Einkünfte mehr als Gutsbesitzer (zamindar), was ihm aber weniger ausmache33. Aber nunmehr habe er Informationen aus Deutschland, dass Nitu an Schwindsucht leide. Deshalb müsse er Mira nach Deutschland schicken34. Charles F. Andrews, der damals gerade im Vereinigten Königreich weilte, übernahm, nachdem er nach Schömberg gereist war, die Aufgabe, beide Eltern herbeizubestellen35 und diesen geistlich beizustehen (Chaturvedi/Sykes, S. 258; DR, S. 409).

Die Hoffnung auf Heilung sollte sich jedoch nicht erfüllen: Nitu starb am 7.8. 1932 an einer Lungenentzündung36. Die Todesnachricht erreichte den Großvater (telegraphisch) am 8.8. 1932. Zu dieser Zeit las dieser gerade in Andrews’ persönlichem Lebenszeugnis What I owe to Christ37. Letzterer antwortete ihm am selben Tag, dass ihm [Rabindranath] nunmehr der schwerste Teil zugefallen sei, nämlich zurückzubleiben, zu warten und zu wissen, dass das Leiden weitergeht, und doch selbst nicht helfen zu können (DR, S. 410).

Noch am selben Tag schrieb Rabindranath38:

„Am Unglückstag sage ich dem Stift:
Bereite keine Scham.
Halte nicht vor aller Augen
Den Schlag, der nicht aller ist.
Verstecke nicht das Gesicht in der Dunkelheit,
Verschließe nicht die Tür mit einem Riegel.
Entzünde ein helles Licht mit allen Farben.
Sei nicht geizig.“

Schon am 6.8. 1932 hatte Rabindranath in Vorahnung des Todes ein Gedicht verfasst, das er an die Durbhagini (die vom Schicksal Geschlagene) adressiert hatte. Er imaginiert darin, wie seine Tochter vor ihm steht und er nicht in ihr Gesicht zu sehen vermag. Ihre Augen sind voller Tränen und es verbleibt nur die ständige Frage in ihnen beiden: Warum, oh warum? (Kripalani, S. 409).


Die am 8.8. 1932 stattgefundene Beerdigung39 wurde von Andrews zelebriert40. Trotz des Schmerzes, der ihn einerseits angesichts des Gegensatzes der Schönheit der Schwarzwaldlandschaft und des dortigen Grabplatzes und andererseits der Tragödie bedrückte, war es ihm dank der Kraft seines Glaubens möglich, zahllose Trostbriefe zu versenden (Chaturvedi/Sykes, S. 258), unter anderem auch an den damaligen britischen Premierminister Ramsay MacDonald, einen alten Freund Shantiniketans41.


Auf dessen Kondolenzbrief antwortete Rabindranath am 24.9. 1932: „Er [Nitu] war jung, liebenswert und vielversprechend. Meine Trauer gilt ihm als auch seiner Mutter, die schwer getroffen ist. Nachdem ich jedoch eine lange Wegstrecke im Leben zurückgelegt habe, habe ich die Lektion des Todes gelernt und bin darin geübt, mich mit dem Unvermeidlichen abzufinden (DR, S. 416)42. Schon früher hatte er am 28.8. 1932 an die auf der Heimreise befindliche Mira geschrieben, dass trotz aller Brüche die Welt weiter gehe. Es komme darauf an, den Lauf der Welt zu akzeptieren. Entscheidend sei nur, dass man geliebt habe. „Ich habe Nitu sehr geliebt, möchte aber die Trauer um ihn nicht vor der ganzen Welt trivialisieren. Ich muss selbst damit zurechtkommen“. Das einzige, was uns übrig bleibe, sei das Gebet für Nitus Wohlergehen im Jenseits, hoffend, dass die darin zum Ausdruck gebrachte Liebe ihn erreichen möge. Über sich selbst heißt es: „Ich muss den Mut haben, nicht müde zu werden und darf nicht zulassen, dass der [Lebens-] Faden an irgendeiner Stelle abreißt - ich muss vorbehaltlos akzeptieren, was geschieht und darf nicht zögern, das zu begrüßen, was dazu bestimmt ist, zu geschehen“ (DR, S. 410 f.).


Wie stets konfrontierte ihn auch jetzt seine Arbeit mit neuen Herausforderungen, denn er hatte erstmals damit begonnen, in freiem Versmaß zu dichten. Das daraus entstandene 1932 erschienene Buch Panascha (Nachschrift) wurde Nitu gewidmet (Kripalani, S. 494).



(Bild groß)

Auf der großen steinernen Grabplatte hatten Mira und Rabindranath kurze Nachrufe in schweren bronzenen Lettern anbringen lassen. Deren englisches Original43 lautet auf Deutsch (Übersetzung durch Schütz, S. 43):

Om44/.
Nitindra Nath Ganguly/
Geboren 5. Dezember 1911/
Kalkutta, Indien./
Verstorben 7. August 1932./

Zum lieben Angedenken an Nitu./
Mein lieber leidender Junge. Mira Tagore./
Mein Nitu, Du bist jetzt ein Pilger in der Ewigkeit. Großvater./



Die Gemeinde Schömberg pflegte von nun an die Grabstelle. 20 Jahre später, im Jahre 1952, wurde sie auf Kosten der damals in Bonn ansässigen indischen Botschaft renoviert.

Anfang der 1990er Jahre aber bröckelte der Stein, einige Bronzebuchstaben gingen verloren und die Grabstätte begann unansehnlich zu werden. 1996 hätte man sie im Zusammenhang mit einer neuen Friedhofskonzeption beinahe aufgegeben.


(Bild groß)


Aber aus der Bevölkerung heraus fanden sich Fürsprecher für eine Erhaltungsmaßnahme.

Karl-Heinz Bertsch, der damalige Vorsitzende des Heimat- und Geschichtsvereins Schömberg ergriff die Initiative und fand in dem damaligen Bundestagsabgeordneten Hans-Joachim Fuchtel einen Partner. Dieser stellte sowohl den Kontakt zur indischen Botschaft (nunmehr in Berlin) als auch zum Sponsor der Maßnahme, den Fischer-Werken in Waldachtal her. Die feierliche Übergabe der restaurierten Grabstätte fand am 8. 5. 1998 in Anwesenheit aller an der Restaurierung Beteiligten bzw. deren Repräsentanten statt. Als Vertreterin der Gemeinde versicherte die damalige stellvertretende Bürgermeisterin Marga Fader, dass diese es als Ehre betrachten würde, weiterhin das Grab zu pflegen (Schütz, S. 42 f.).


Ob durch die oben geschilderte Geschichte ein Hauch von südasiatischem Geist in der Gemeinde Schömberg zu wehen begonnen hatte, lässt sich schwer sagen. Heute aber pflegt diese eine intensive Beziehung zu Bhutan und bezeichnet sich nach der Adaption des bhutanischen Glücksmodells als <Glücksgemeinde>. Bhutan strebt ein Bruttonationalglück für seine Bewohner an, was im konkreten Fall u. a. einen Gleichklang von Wirtschaftswachstum und ökologischer Nachhaltigkeit bedeutet. Schömberg sucht nach eigenen Angaben diesbezüglich immer wieder Inspiration in Bhutan45.

Rabindranath hatte dieses Modell schon früh in seiner Dorfentwicklungsarbeit antizipiert (vgl. Unger, passim). Er charakterisierte es kurz so: „Reichtum ist die Bürde der Größe. Wohlfahrt die Fülle des Seins“ (Tagore, S. 48).

Wegen ihrer selbst übernommenen Verpflichtung zu immerwährender geistlicher Wohlfahrt für Nitu verdient die Gemeinde Schömberg die nachhaltige Dankbarkeit aller Freunde Rabindranaths sowie der indischen Kultur. Es wäre darüber nachzudenken, ob diese Nachhaltigkeit sich nicht dadurch zusätzlich darin konkretisieren könnte, dort periodisch Tagore-Tage zu veranstalten. Diese könnten sich dem umfassenden Werk des Dichters, Komponisten, Malers, Pädagogen und Sozialreformers widmen, aber auch den Grundgedanken, der hinter dem Glücksmodell Bhutans steht, mit Gedanken und Taten Tagores illustrieren.


Gedruckte Quellen:

Baines, Anthony: Lexikon der Musikinstrumente. Stuttgart: Metzler, 1996.

Banerjee, Hironmoy: The Tagores of Jorasanko. New Delhi: Gyan Publ. House, 1995.

Bertsch, Karl-Heinz: Schömberg im Spiegel historischer Postkarten und Bilder aus über einem Jahrhundert. Bd. 1. Heimsheim: Printsystem Medienverlag, 2002.

Chaturvedi, Benarsidas/ Sykes, Marjorie: Charles Freer Andrews: a narrative. New York: Harper, 1950.

Daniélou, Alain: Einführung in die indische Musik (Taschenbücher zur Musikwissenschaft 36) Wilhelmshaven: Heinrichshofen, 5. Aufl. 2004.

[DK] Dutta, Krishna/ Robinson, Andrew (Hgg.): Selected Letters of Rabindranath Tagore (University of Cambridge Oriental Publications 53). Cambridge: University Presss, 1997.

Elmhirst, Leonard K. (Hg.): Rabindranath Tagore: Pioneer In Education. Essays and

Exchanges between Rabindranath Tagore and L. K. Elmhirst: London: Murray, 2nd ed.

1961

Ganguly, Nitindranath: „Printing in India today – its national aspect“, in: Gutenberg-Jahrbuch Jg. 7 (1932), S. 269-270.

Gonda, Jan: Die Religionen Indiens. II: Der jüngere Hinduismus (Die Religionen der Menschheit 12) Stuttgart: Kohlhammer, 1963.

Grimes, John: A Concise Dictionary of Indian Philosophy. Sanskrit Terms Defined in

English. Albany: State of New York University Press, 1996.

Kämpchen, Martin/Paul, Prasantakumar (Hgg.): My dear Master. Rabindranath Tagore and Helene Meyer-Franck/Heinrich Meyer-Benfey. Correspondence: 1920-1938. Santiniketan: Visva-Bharati, 1999.

Kripalani, Krishna: Rabindranath Tagore: a biography. Calcutta: Visva-Bharati, 2nd rev edn. 1980.

Mukherjee, Himangshu Bhushan: Education For Fulness. A Study of The Educational

Thought and Experiment of Rabindranath Tagore. London: Asia Publ. House, 1962.

Pearson, William W.: Shantiniketan: The Bolpur school of Rabindranath Tagore. New York: Macmillan, 1916.

Schütz, Hermann: „Das Grab des Tagore-Enkels in Schömberg“, in: Heimatbrief, hg. v. Heimat- und Geschichtsverein Schömberg e.V., Nr. 3 (1998), S. 42-46.

Tagore, Rabindranath: Einheit der Menschheit. Freiburg i.Br.: Hyperion, 1961.

Unger, Arabella: „Education to Social Responsibilty. Tagore’s unique experiment“, in: Mann, Michael (Hg.): Shantiniketan and Hellerau. Universalist Education in the Pedagogical Province Heidelberg: Draupadi-Verlag, voraussichtlich 2014.


Ungedruckte Quellen:


[StA-L] Sächsisches Staatsarchiv Leipzig, StA-L: Bestand 20199, Staatliche Akademie für graphische Künste und Buchgewerbe, Leipzig, Nr. 104.

Stadtarchiv München, Einwohnermeldekartei: Bestand EWK 65 G 239.

© Arabella Unger

1Für freundliche Auskünfte dankt die Verfasserin folgenden Institutionen: Archiv der Technischen Universität München, Stadtarchiv München, Stadtarchiv Mainz, Gutenberg-Gesellschaft Mainz, Archiv der Hochschule für Grafik und Buchkunst in Leipzig, sowie Sächsisches Staatsarchiv Leipzig, Letzterem auch für die Genehmigung der Veröffentlichung von Archivalien. Für die Übersetzung des bengalischen Gedichts zum Tode von Nitindranath sei Frau Carmen Brandt, Halle a.d.S., ganz herzlich gedenkt.

Ein ganz besonderer Dank gilt der Gemeinde Schömberg, namentlich Frau Bürgermeisterin Bettina Mettler sowie Frau Inga Rochow, für Auskünfte und die Überlassung von Fotos von der Grabstätte. Last but not least sei Herrn Wolfgang Obert gedankt: für sein stets warmes Interesse am Entstehen dieses Aufsatzes sowie für seine Bereitschaft, diesen nach der Erstveröffentlichung auch auf der von ihm verantworteten Webseite http://www.geschichte.heimat-Schoemberg.de/ einzustellen.

2So schrieb er an seine deutsche Übersetzerin Helene Meyer-Franck: „Mir werden überall in Deutschland liebevolle Begrüßungen und Freundlichkeiten zuteil, welche ich nie vergessen werde“ (Kämpchen/Paul, S. 68). Obige wie alle folgenden Übersetzungen aus dem Englischen stammen von der Verfasserin.

3Neben dieser Schreibweise des Namens auf der Grabplatte existieren in der Literatur manchmal auch die Versionen Ganguli bzw. Gangulee.

4Die Beschriftung auf der Grabplatte weist den 5.12. 1911 als Geburtsdatum aus, während in anderen Veröffentlichungen 1912 als Geburtsjahr angegeben wird, z.B. bei Banerjee, S. 259.

5Nagendranath wurde in eine hochkastige (Kulin-) Brahmanenfamilie hineingeboren und war der älteste Sohn von Upendranath Ganguly und Ambalika Devi, deren Vater Trailokyanath Sanyal ein bekannter (Lieder-) Dichter innerhalb des Brahmo Samaj (vgl. Anm. 39,40) war. Nagendranaths Geschwister waren allesamt bedeutend: der Bruder Dhirendranath, einer der frühen indischen Filmregisseure und – produzenten, sowie die Schwestern Purnima Banerjee and Aruna Asaf Ali, die sich besonders im indischen Freiheitskampf auszeichneten , vgl. http:///www.mainstream-weekly.net/article2003.html sowie http://www.en.wikipedia.org/wiki/Aruna_Asaf_Ali (Zugriff jeweils 22.7. 2013).

6Vgl. DR, S. 121 (Brief von Rabindranath an Mira, vermutlich vom Juli 1913, wo dieser sich über den Hautausschlag des damals 8 Monate alten Nitu äußert), ferner (ebd., S. 383) im Brief Rabindranaths an Mira vom 12.8. 1930, dessen Hinweis, dass Nitu über keine starke Konstitution verfüge. Vgl. darüber hinaus die Hinweise auf Krankheiten Nitus (1918) (ebd., S.212). Nitu selbst gab 1932 bei der ärztlichen Untersuchung in Leipzig (s. unten) als überstandene Kinderkrankheiten „Masern“ an (StA-L).

7http://sesquicentinnial.blogspot.de/2013/01/rabindranath-and-nagendranath-closing.html (Zugriff 16.7. 2013). Zu diesem Komplex wird in obiger Quelle verwiesen auf Singh, Dinesh Chandra: Rabindranath, Nagendranath and Calcutta University. Näheres zu dieser Schrift konnte leider nicht ausfindig gemacht werden.

8Quelle, vgl. Anm. 7.

9http://sesquicentinnial.blogspot.de/2012/07/rabindranath-and-nagendranath.html (Zugriff 18.7. 2013).

10Quelle, vgl. Anm. 7.

11http://www.sesquicentennial.blogspot.de/2012/07/rabindranath-and-nagendranath_54.html (Zugriff 19.7. 2013).

12Vermutlich war damit die heutige King-Edward-VI-School gemeint, vgl. https://en.wikipedia.org/wiki/King_Edward_VI_School,_Lichfield (Zugriff 30.7. 2013).

13Im Archivbestand des Indira Gandhi National Centre for the Arts sind unter den Manuskript [Kopien?] unter S[eries] No. 2350 und 2351 unter DVD-Bestand „RBVB [Rabindra Bhavan Visva Bharati]_061“ u.a. zwei Briefe von Pearson von 1923 an Nitu aufgeführt, die hier nicht berücksichtigt werden konnten. Wahrscheinlich ging es darin um Schulausbildungsmöglichkeiten für Nitu, vgl. http://igna.nic.in/mss/mss_vishwabharti.xml (Zugriff 21.7. 2013). William W. Pearson, ein engagierter und beliebter Lehrer in Shantiniketan, hatte sich sehr für Nitu eingesetzt. Er war aber schon 1923 bei einem Unfall ums Leben gekommen (DR, S. 307).

14http://sesquicentinnial.blogspot.de/2013/01/nagendranath-gangopadhyay.html (Zugriff 28.7. 2013).

15http://sesquicentinnial.blogspot.de/2013/01/rabindranath-and-nagendranath-contnd-2.html (Zugriff 23.7. 2013).

16Es handelt sich gemäß dem Zeitschriftenverzeichnis der Universitätsbibliothek Tübingen um The Visva-Bharati Quarterly (ab 1923) und Bulletin Visva-Bharati (ab 1924).

17Die Organisation wurde seit ihrer Gründung privat geführt und wurde erst nach Rabindranaths Tod 1951 in die Obhut der Indischen Union übergeführt.

18Vgl. DR, S. 383. Die Hgg. verweisen darauf, dass sich Rabindranath der damals ungenügenden Qualität der Druckerzeugnisse bewusst gewesen sei und zu diesem Zweck damals auch Nitu nach Europa geschickt habe, wie ein Brief seines Sekretärs vom 18.3. 1934 an den britischen Buchhändler Arthur Probsthain ausweist.

19Vgl. DR, S. 383f. (Brief an Mira vom 12.8. 1930). Darüber hinaus war auch an der eher praxisbezogenen Schulform Siksha-Satra die Drucktechnik Bestandteil des Lehrplans (Elmhirst, S. 70). Schon einige Jahre früher hatten Bürger der Stadt Lincoln (Nebraska, USA) Visva-Bharati eine Druckerpresse geschenkt unter der Bedingung, dass diese für die Transportkosten aufkomme (DR, S. 195 f.).

20Vermutlich dachte er an die damalige Höhere Technische Lehranstalt der Stadt München, die damals Teil des Polytechnikums war und heute in die Technische Universität München aufgegangen ist, vgl. http://www.mytum/geschichte/index/_html (Zugriff 2.2. 2012).

21Hier meinte er zweifellos die damalige Staatliche Akademie für graphische Künste und Buchgewerbe, heute Hochschule für Grafik und Buchkunst ,,vgl. http://de.wikipedia.org/wiki/Hochschule_fuer_Grafik_und_Buchkunst_Leipzig (Zugriff 3.1. 2012).

22Um welche Freunde es sich handelt, wird nicht erläutert, aber Rabindranath verfügte über einen großen Freundeskreis in Deutschland. Er schreibt, inständig um deren Zustimmung werbend, an Mira: „Eine solch günstige Gelegenheit wird nicht jedermann zuteil, sie wird nur durch das Ansehen, das ich unter den Leuten genieße, ermöglicht. Darüber hinaus mangelt es nicht an Leuten, die sich um Nitu so kümmern, als gehörte er zu ihrer eigenen Familie“ (DR, S. 383 f.).

23Zum Hintergrund vgl. http://www.historisches-lexikon-bayerns.de/artikel/artikel_45007 (Zugriff 2.2. 2012).

24Wir kennen Nitus Brief nicht, aber wir dürfen annehmen dass er Kontakt zu Indern, möglicherweise auch als Kommilitonen, hatte, mit denen er sich austauschte.

25Rabindranath dachte wohl daran, dass die klassische (nord-) indische Musik, die vorwiegend Kammermusik ist, stets ein Instrument braucht, das die Melodie im Baß-Grundton begleitet, wie es z.B. die Sarangi tut (Daniélou, S. 97). Dazu dürfte wohl das Cello als Baßinstrument eher geeignet sein als die Violine (Baines, S. 358). Dass Nitu musikalisch begabt war, bezeugt schon Leonard K. Elmhirst in seinem Tagebucheintrag vom 23.1. 1922, wonach der zehnjährige Nitu eine ganze Abendgesellschaft musikalisch unterhalten habe, vgl. http://sesquicentinnial.blogspot.de/2012/06/surul-mary-van-eeghen-and-rabindranath.html (Zugriff 19.7. 2013).

26E-Mail-Auskunft von 29.3. 2012 durch Herrn Vincent Klotzsche, Archiv der Hochschule für Grafik und Buchkunst.

27So der Eintrag auf dem Ärztlichem Befund der Aufnahmeuntersuchung vom 14.3. 1932 (StA-L).

28Die Zensurenliste ist mit dem Vermerk „krank“ gekennzeichnet (Mitteilung des StA-L vom 4.4. 2012).

29Gemäß E-Mail-Auskunft vom 10.4. 2012 durch das StA-L handelte es sich dabei um Professor Carl Blecher, der Reproduktionsphotographie, Buch-, Tief- und Lichtdruck und Photolithographie lehrte. Blecher war ein angesehener Dozent und Praktiker. Besonders erwähnenswert ist sein Standardwerk Lehrbuch der Reproduktionstechnik. Mit ausschließlicher Berücksichtigung der auf photographischer Grundlage beruhenden Methoden zur ein- und mehrfarbigen Wiedergabe von Bildern durch Druck. Bd. 1 (Einleitung und Theoretischer Teil). Halle a.d.S. 1908. Weiterhin war er Erfinder der ersten Bogentiefdruckmaschine, 1908 hergestellt bei Kempe in Nürnberg; vgl. http://www.arbeitskreis-druckgeschichte.de/downloads/zeitleisteborisfuchs.de (Zugriff 28.7. 2013).

30Diese enthielt wohl Teile von Vortragsmanuskripten Blechers für Unterrichtszwecken, vgl. Kopie seines Antwortbriefs an Nitu vom vom 15.7. 1932 (StA-L).

31Schütz, S. 42 f.; zu Schömberg vgl. http://de.wikipedia.org/wiki/Sch%C3%B6mberg_Landkreis_Calw (Zugriff 2.2. 2012).

32E-Mail-Auskunft durch Wolfgang Obert vom 4.7. 2013. Vgl. dazu die von diesem verfassten Rubriken Klimaforschung in Schömberg, Aufstieg und Niedergang eines Tuberkulose-Kurortes sowie Joseph Elven, Ehrenbürger von Schömberg, alle in: http://www.geschichte.heimat-schoemberg.de/ (Zugriff 30.7. 2013). In einer Bildunterschrift einer Abbildung der Villa Elven heißt es, dass Nitindranath 1931 „mit einem Gefolge von 31 Personen, unter ihnen ein indischer Arzt“ die Villa bezogen habe (Bertsch, S. 31). Dies könnte darauf hindeuten, dass Nitu schon damals zur Behandlung im Schömberg gewesen wäre. Leider waren die Klinikakten nicht mehr zugänglich.

33Er hatte diese Funktion an seinen Sohn Rathindranath übertragen und schon ab 1930 immer wieder einen einfacheren Lebensstils innerhalb der Familie propagiert und solchen auch selbst praktiziert, vgl. dazu Unger, passim.

34http://www.chitralekha.org/articles/rabindranath-tagore/rabindranath-tagores-exhibition (Zugriff 15.7. 2013).

35Nagendranath reiste wohl aus dem Vereinigten Königreich an, wo er seit 1932 (genaues Datum nicht bekannt) wohnte (DR, S. 68).

36So der spätere handschriftliche Vermerk auf dem Exemplar der Leipziger Aufnahmeuntersuchung (StA-L).

37London: Hodder & Stoughton, 1932, deutsch als Was ich Christus verdanke. Bad Pyrmont: Friedrich, 1947. Die Tantiemen der englischen Ausgabe spendete Andrews für Shantiniketan und die Beerdigungskosten für Nitu (DR, S. 410).

38Siehe Faksimile des bengalischen Originals unter http://sesquicentinnial.blogspot.de/2013/03/grand-son-nitindranath-ganguly-son-of-mira.html (Zugriff 30.7. 2013).

39E-Mail-Mitteilung vom 9.7. 2013 durch Frau Rochow, Gemeinde Schömberg. Eine Feuerbestattung mit entsprechendem Gottesdienst (Antyeshti) hätte nach den Ritualvorschriften des Brahmo Samaj nicht stattfinden können, vgl. http://thebrahmosamaj.net/liturgy/funeral.html (Zugriff 25.7. 2013). Obwohl Nitu als Religionszugehörigkeit <Hindu> angegebenen hatte (Stadtarchiv München), ist bekannt, dass die Familie sich dem Brahmo Samaj, einer von Rammohun Roy gegründeten und von Rabindranaths Vater Debendranath mit eigener liturgischer Ordnung versehenen hinduistischen Reformbewegung, zugehörig fühlte; vgl. dazu Gonda, S. 303-307.

40Andrews’ Christentum war ganz und gar nicht fundamentalistischer Natur. Angesichts seines langen Aufenthalts in Indien, geprägt durch Rabindranath und nicht zuletzt auch Mohandas K. (Mahatma) Gandhi, aber auch durch die Begegnung mit dem Theologen, Menschen- und Tierfreund Albert Schweitzer (Chaturvedi/Sykes, S. 89,198), hatte er oft die Vision eines Christus in indischer Gestalt, da dieser Jude [Jesus] das „nicht-jüdische Ideal der Ahimsa (Nichtverletzen von Lebewesen), das dem Hinduismus so verwandt sei, zu seinem eigenen Ideal gemacht habe“ (ebd., S. 102). Da die Lehre des Brahmo Samaj auch Bezugspunkte zum Christentum aufwies (Gonda, S. 305 f.), dürfte wohl auch von dieser Seite Rabindranath, der nur noch eine lockere Beziehung zu Ersterem unterhielt (ebd., S. 307), keine Bedenken dagegen gehabt haben, dass Andrews eine Beerdigung nach christlichem Ritus vollzog.

41Er hatte die Schule bereits 1913 besucht und trat danach stets für deren Ideale ein, vgl. Mukherjee, S. 65.

42Rabindranath hatte im Verlaufe seines langen Lebens oft den Verlust naher Angehöriger zu beklagen. Sein Glauben half ihm stets dabei, die Trauer künstlerisch produktiv sublimieren zu können. Bereits 1911 kondolierte er seiner Schwiegertochter Pratima Devi zum Tod von deren Mutter und fasste darin sein Credo zusammen: „Nur wenn wir den Tod als mit dem Leben verbunden ansehen, können wir ihn wahrhaft erkennen“ (DR, S. 83).

43Das Original lautet: Om./ Nitindra Nath Ganguly/ Born December 5th. Calcutta, India./ Passed away August 7th 1932./

To the Loving Memory of Nitu. My dear suffering boy. Mira Tagore/

My Nitu. You are now a pilgrim of Eternity. Baba./

44OM (eigentlich AUM) ist die aus dem Sanskrit stammende heilige Silbe von Hinduismus, Buddhismus und Jinismus und ist grundsätzlich nicht übersetzbar. Sie hat einen eine Zustimmung bekräftigenden Charakter. Im Chandyoga-Upanishad (I. 1,8) heißt es darüber: „Diese Silbe om drückt Zustimmung aus, denn wenn einer zu etwas zustimmt, sagt er: om“ (Winternitz, S. 162 Anm. 1; Hervorhebung durch Verfasserin). Grimes (S. 216) definiert es so: „Sie [die Silbe) repräsentiert das Göttliche und die Macht Gottes. Sie ist das tönende Symbol für die ultimative Realität“.

45http://www.schoemberg.de/de/Glück (Zugriff 31.7. 2013).